Rapallo 1922 – deutsch-russische Zusammenarbeit

Es geht auch anders

Der Vertrag von Rapallo 1922 zeigt, dass Deutschland und Russland durchaus eng kooperieren können — den Westmächten gefiel das schon damals nicht.

von Hermann Ploppa

Die Konfrontation zwischen dem Wertewesten und Russland spitzt sich immer weiter zu. Schon lange bevor die russische Armee völkerrechtswidrig die Ukraine überfiel, war der Ton gegenüber Russland immer rauer geworden. In dem ganzen Trommelfeuer der antirussischen Propaganda wurde der Eindruck erweckt, es hätte in der gesamten Geschichte nur immer feindselige Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gegeben. Diese Geschichtsvergessenheit ist politisch gewollt. Uns allen ist der schlimme Waffengang des Zweiten Weltkriegs noch mehr oder weniger bewusst. Danach folgte der Kalte Krieg, in dem sich Westdeutschland und Ostdeutschland als Frontstaaten waffenklirrend gegenüberstanden. Erst mit der Politik der Entspannung unter Bundeskanzler Willy Brandt kamen andere Töne auf. Es ist Teil unserer kollektiven Erinnerung, dass die Beziehungen zu unserem östlichen Nachbarn immer äußerst delikat gewesen seien. Das ist allerdings vollkommen falsch.

Die meiste Zeit der deutsch-russischen Beziehungen war geprägt von enger Zusammenarbeit und gegenseitigem Austausch. Auch in den Zeiten des Kalten Krieges gab es Phasen der Anbahnung enger Kooperation. Annäherungen gab es zwischen dem damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard und dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Auch zwischen Kanzler Helmut Kohl und Michail Gorbatschow deutete sich eine engere Zusammenarbeit an. In beiden Fällen führte der jähe Machtverlust der starken Männer im Osten zum Ende der Entente.

Auch zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin entwickelte sich eine enge Vertrauensbeziehung. Dem Männerbund gesellte sich zeitweilig noch der französische Staatspräsident hinzu. In London und Washington wurden diese Kooperationen skeptisch beäugt. Man raunte dort des Öfteren, der gefährliche „Geist von Rapallo“ schwebe wieder durch Europa.

Nach dem Prinzip der Meistbegünstigung

Vor genau 100 Jahren wurde nämlich im italienischen Rapallo in der Nähe von Genua am Ostersonntag, dem 16. April 1922, der nach dem Badeort benannte Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik unterzeichnet. In dem Vertrag sicherten sich die beiden Staaten die Meistbegünstigung zu. Soll heißen: Sie nahmen von nun an normale Wirtschaftsbeziehungen auf, wie sie zwischen allen anderen Staaten längst gang und gäbe waren. Beide Länder verzichteten auf gegenseitige Reparationsforderungen. Verzichteten also auf Entschädigungen für erlittene Kriegsschäden.

Deutschland verzichtete zudem darauf, von den Bolschewisten enteignetes deutsches Eigentum in der Sowjetunion zurückzufordern. Deutschland lieferte Industrieanlagen an Russland. Russland lieferte im Gegenzug das begehrte Öl nach Deutschland. In Deutschland wurden damals 2.000 Tankstellen eröffnet, in denen Benzin aus Aserbaidschan der sowjetischen Vertriebsgesellschaft Azneft ausgeschenkt wurde.

Das war für die deutsche Wirtschaft, die noch weitgehend unter dem Boykott durch die Weltgemeinschaft zu leiden hatte, ein ganz entscheidender Schritt nach vorn. Eine absolute Win-Win-Situation ergab sich auch im Militärsektor. Denn Deutschland war es durch den Vertrag von Versailles untersagt, eine eigene Luftwaffe und eigene Panzerverbände zu unterhalten.

Jetzt bauten die Junkers-Werke ihre Kriegsflugzeuge in dem Moskauer Vorort Fili. Ausprobiert wurden die Junkers-Flieger sodann in Lipezk. Eine ganze Generation deutscher Kampfflieger absolvierte hier ihre Ausbildung. Gemeinsame Giftgaseinheiten unterhielten Deutsche und Russen zudem in Tonka. Während Soldaten der Reichswehr in Deutschland vor den Augen der alliierten Aufpasser mit Pappattrappen von Panzern herumkasperten, bauten deutsche Ingenieure und Mechaniker in der Sowjetunion echte Panzer und erprobten sie in Kazan.

Der Architekt von Rapallo

Der Vertrag von Rapallo ist im Wesentlichen das Werk des Diplomaten Adolf Georg Otto von Maltzan, der sich der Einfachheit halber einfach als „Ago“ ansprechen ließ (1). Ago von Maltzan hatte schon zu Kaiserzeiten Karriere gemacht und werkelte nun als Leiter des Russlandreferates im Außenministerium seit Kriegsende an einem deutsch-russischen Kooperationsvertrag. Bei der Finanz und Wirtschaftskonferenz in Genua im April 1922 zeichnete sich ab, dass Großbritannien und Frankreich ebenfalls an einem Wirtschaftsvertrag mit der Sowjetunion arbeiteten.

Nachdem diese Länder zunächst versucht hatten, durch eine blutige Militärintervention in der noch nicht sattelfesten Sowjetunion einen Regime Change zu erzwingen, dann aber mit diesem Versuch kläglich gescheitert waren, akzeptierten sie jetzt die Bolschewisten als neuen „Ordnungsfaktor“ in der Region und versuchten für sich das beste dabei herauszuholen.

Zugleich jedoch ließen die Sowjets über diskrete Kanäle die deutsche Regierung wissen, dass sie sich einen solchen Kooperationsvertrag wie mit den Westmächten alternativ auch mit Deutschland vorstellen konnten. Bei der deutschen Delegation rief das hektische Betriebsamkeit hervor. Es war der 15. April 1922. Für den nächsten Tag musste man aufpassen, dass man vor der amerikanisch-britisch-französischen Delegation mit den Sowjets einen Vertrag abschloss. In die Geschichte eingegangen ist die sogenannte „Pyjamakonferenz“.

Noch in der Nacht hatte Ago von Maltzan den Vertragsentwurf erarbeitet und scheuchte die deutschen Delegationsteilnehmer aus ihren Betten. Im Pyjama saßen die Delegierten auf den Bettkanten und arbeiteten Paragraf für Paragraf den Vertrag gemeinsam durch. Wobei der verantwortliche Außenminister Walther Rathenau sich noch schwertat. Er stand dem ganzen Vorhaben eher skeptisch gegenüber. Schließlich aber stimmte auch Rathenau zu, und der Vertragsentwurf wurde angenommen.

Am nächsten Tag trafen sich die deutsche und die sowjetische Delegation — zwei Stunden vor dem zum Vertragsabschluss anberaumten Zeitpunkt, der für die Westalliierten vorgesehen war. Auf deutscher Seite sehen wir an exponierter Stelle: Reichskanzler Joseph Wirth, Reichsaußenminister Walther Rathenau, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Ago von Maltzan mit ihrer Entourage.

Auf sowjetischer Seite: Leonid Borissowitsch Krassin, seines Zeichens Volkskommissar für Außenhandel; Georgi Wassilijewitsch Tschitscherin, Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, sowie als Berater Adolf Abramowitsch Joffe, sowjetrussischer Gesandter in Deutschland. In überaus herzlicher Atmosphäre schritt man sodann zur Vertragsunterzeichnung. Zwei Stunden später erschien die Delegation der Westalliierten. Ihre Wut war grenzenlos, als sie erfuhren, dass sie in letzter Sekunde doch noch ausgespannt wurden.

Rückkehr auf die internationale Bühne

Aus deutscher Perspektive war der Vertrag von Rapallo die letzte Chance, den strangulierenden Auswirkungen des Vertrages von Versailles zu entkommen. Denn durch den Vertrag von Versailles wurden die deutschen Bürger und ihr Staat nicht nur massiv enteignet und in eine vollkommen kontraproduktive Schuldknechtschaft gedrückt, was kein Geringerer als der Ökonom John Maynard Keynes in seinem viel beachteten Buch (2) scharf verurteilt hat. Deutschland als Ganzes wurde mit der Alleinschuld am Ausbruch des Krieges beladen und durch diplomatische Isolierung geächtet.

Auch der Sowjetstaat Russland wurde geächtet wegen seiner Gegnerschaft zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung und wegen der Enteignung ausländischer Vermögenswerte. Es lag also nahe, dass Strategen beider Pariastaaten intensiv über eine deutsch-russische Zusammenarbeit nachdachten.

Dabei handelten beide Seiten absolut pragmatisch. Gerade im deutschen rechten politischen Spektrum sah man in der Zusammenarbeit mit den Bolschewisten eine reale Chance, außerhalb des Versailles-Regimes ein deutsches Comeback zu starten. Die Befürworter eines Zusammengehens Deutschlands mit den Westmächten fanden sich eher bei den Liberalen und Sozialdemokraten, während die Kommunisten naturgemäß für die Sowjets votierten.

Trotzdem schlug der Abschluss des Vertrages von Rapallo am 16. April 1922 zwischen Deutschland und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik auf der internationalen diplomatischen Bühne ein wie eine Bombe. Die Wut war bei Franzosen und Briten gewaltig. Denn eigentlich wollten sie selber mit den Sowjets, die sich auf dem Territorium des ehemaligen Zarenreiches als „Ordnungsfaktor“ durchsetzen konnten, Verträge abschließen. Die gewaltigen Rohstoffe des Riesenreiches lassen denn doch alle Vorbehalte gegen den kommunistischen Klassenfeind überwindbar erscheinen.

Nun hatten der deutsche Außenminister Walther Rathenau und sein Staatssekretär Ago von Maltzan den Vertrag am Ostersonntag 1922 mit ihrem sowjetischen Gegenüber Georgi Tschitscherin unterzeichnet — und das, kurz bevor die Franzosen und Engländer einen solchen Vertrag unterzeichnen konnten.

Das Misstrauen der Westmächte

Der Vertrag von Rapallo wurde in Deutschland mehrheitlich positiv aufgenommen. Besonders die deutschen Unternehmer drängten Rathenau zur Unterzeichnung, da die Märkte im Westen für sie weitgehend verschlossen waren. Zudem ging man davon aus, dass Lenin mit der Verkündung der Neuen Ökonomischen Politik energisch in Richtung liberale Marktwirtschaft zurückrudern würde — was sich in dieser Form aber nicht verwirklichen sollte, wie man heute weiß. Es gab nur einen Politiker, der gegen den Vertrag von Rapallo schäumte: ein gewisser Adolf Hitler aus Bayern.

Nun war also der Fall eingetreten, den der englische Geopolitiker Halford Mackinder in einem Vortrag in London im Jahre 1904 als den für die Engländer schlimmsten Fall beschrieb: Eine Binnenlandmacht hatte sich erneut mit einer Küstenrandmacht zusammengetan.

Die Deutschen hatten ihre Isolation durchbrochen und ließen mit ihrem aus englischer Sicht frevelhaften Verrat erkennen, dass sie in der Lage waren, in den eurasischen Raum hinein womöglich eine Gegenmacht gegen die westliche Ordnung aufzubauen.

Tatsächlich hatten einflussreiche Kreise aus Militär und Wirtschaft bereits kurz nach Kriegsende über eine Partnerschaft mit den Sowjets recht laut nachgedacht.

In einer Denkschrift vom 17. Februar 1920 hatten unter anderem Walther Rathenau, der den Elektrokonzern AEG von seinem Vater geerbt hatte, sowie sein Vorstandsvorsitzender Felix Deutsch eine Denkschrift veröffentlicht. In dem Papier wird hingewiesen auf den Überschuss an Fachkräften in Deutschland, die sich mit einem Überschuss an Rohstoffen in Russland vorzüglich verbinden ließen. Auf die „in nicht sehr ferner Zukunft reifenden Früchte und nicht auf unmittelbar sofort greifbare Vorteile kommt es in erster Linie an, wenn man ein Urteil über das deutsche Interesse am Zusammengehen mit Sowjetrussland gewinnen will“ (3).

Und Generaloberst Hans von Seeckt, 1920 gerade aufgestiegen zum Chef der Heeresleitung der Reichswehr, ließ im selben Jahr in zwei Denkschriften keinen Zweifel an seiner Sicht der Dinge:

„Nur im festen Anschluß an Groß-Rußland hat Deutschland die Aussicht auf Wiedergewinnung seiner Weltmachtstellung … England und Frankreich fürchten den Zusammenschluß der beiden Landmächte und suchen ihn mit allen Mitteln zu hindern — also ist er von uns mit allen Kräften anzustreben“ (4).

Weiterhin im zweiten Papier: „Und wenn Deutschland sich auf Rußlands Seite stellt, so ist es selbst unbesieglich, denn andere Mächte werden dann immer Rücksicht auf Deutschland nehmen müssen, weil sie Rußland nicht unbeachtet lassen können“ (5).

Die Ermordung Rathenaus und ihre Folgen

Doch Rathenau war es nicht mehr vergönnt, die weitere Entwicklung mitgestalten zu können. Genau wie Olof Palme lehnte er Personenschutz ab. So wurde er am 24. Juni 1922, also gerade mal zwei Monate nachdem er seine Unterschrift unter den Rapallo-Vertrag gesetzt hatte, von zwei gedungenen Auftragskillern in seinem offenen Cabriolet auf dem Weg zum Arbeitsplatz im Außenministerium erschossen.

Die Empörung in Deutschland über diesen feigen Mord war gigantisch. Hunderttausende folgten seinem Sarg in einer beeindruckenden Großdemonstration für die Demokratie. Bürgerkriegsartige Unruhen waren die Folge. Rathenaus Mörder gehörten der Organisation Consul, auch „Schwarze Reichswehr“ genannt, an. Eine Abspaltung von der Brigade Erhardt, der wiederum größere Abteilungen der Eisernen Division angehörten, die wiederum aus den Baltikumern (deutsche Söldner) hervorgegangen waren …

Die deutsch-russische Zusammenarbeit erreichte nie die von Rathenau und Seeckt anvisierte Dimension. Dennoch wurde die deutsche Luftwaffe und Panzerarmee weiterhin in der Sowjetunion entwickelt — bis 1933 die Nazis mit einem Federstrich diese Zusammenarbeit beendeten.

Heute ist der Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verdrängt. Er passt einfach nicht in die transatlantische Agenda.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Niels Joeres: Der Architekt von Rapallo — Der deutsche Diplomat Ago von Maltzan im Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik. Heidelberg 2005.
(2) John Maynard Keynes: The Economic Consequences of the Peace. London 1919.
(3) Zitiert nach Horst Günther Linke: Deutsch-sowjetische Beziehungen bis Rapallo. Köln 1972. Seite 94.
(4) Ebenda, Seite 153.
(5) Ebenda, Seite 156.

Für diesen Artikel wurden Textpassagen aus dem Buch „Der Griff nach Eurasien — Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland“ von Hermann Ploppa, Marburg 2019, eingearbeitet.


Dieser Artikel erschien auf Rubikon am 16.04.2022 und ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

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Thomas Schulze
 

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