Offener Brief an das Volk der USA

In einem sehr persönlichen „offenen Brief“ hat sich Scott Ritter anlässlich des Sieges über die Nazis im Zweiten Weltkrieg an das Volk der USA gewandt.

„Offenen Brief an das Volk der USA anlässlich der Siegesfeier über Nazis im Zweiten Weltkrieg“

Scott Ritter ist ein 1961 geborener ehemaliger Offizier für Aufklärung der US-Marineinfanterie. Er diente den USA in der Sowjetunion als Inspektor für die Umsetzung der Auflagen des INF-Vertrags. Während des Zweiten Golfkriegs war er im Stab von General Norman Schwarzkopf und danach von 1991 bis 1998 als Waffen-Chefinspekteur bei der UNO im Irak tätig. Ritter veröffentlicht auf verschiedenen Portalen und in Sozialen Netzwerken über Themen der internationalen Sicherheit,  Russland und den Nahen Osten sowie Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung betreffen.

In Westdeutschland nach dem Weltkrieg – „Schockiert“

Eingangs erinnert er an den berühmte NBC-Journalisten Tom Brokaw, der in seinem Klassiker „The Greatest Generation“ 1998 das Leben und die Erfahrungen einiger der Millionen Männer und Frauen der USA untersuchte, die im Zweiten Weltkrieg kämpften.

In seinem offenen Brief schreibt Ritter, dass sein Vater Offizier der US Air Force mit Einsätzen in Vietnam, Korea und der Türkei war. So sei es nicht verwunderlich, dass Scott mit dem Mantra aufwuchs „besser tot als rot“. Er war überzeugt davon, dass die Leistungen seines Vaters im Dienst unserer Nation für das Überleben der freien Welt unerlässlich waren.

1977 kam die Familie nach Westdeutschland auf den US Air Force-Stützpunkt Sembach.

Zwei Jahre später verfolgte die Familie im Fernsehen die ABC-Miniserie „Der Holocaust“. Insbesondere über die jeweils nach den Sendungen ausgestrahlten Podiumsgesprächen war die Familie „schockiert“.

„Wir waren von dem, was wir hörten, schockiert – Kinder von Deutschen, die während des Zweiten Weltkriegs gelebt hatten, riefen hysterisch während der Podiumsdiskussion an und prangerten ihre Eltern und ihre Nation an, dass die so etwas zugelassen hatten. Die renommierten Akademiker und Psychologen, die zu diesen Podiumsdiskussionen geladen waren, verstummten angesichts der Empörung und des Zorns – sie fanden nicht nur keine Antwort auf die Frage, wie so etwas geschehen konnte, sondern auch nicht darauf, warum sie als Kinder nicht darüber aufgeklärt worden waren. (West-)Deutschland, so schien es, hatte versucht, das Verbrechertum der Nazi-Vergangenheit aus seiner heutigen Gegenwart einfach auszulöschen.“

Kriegsgräber – eine „düstere, ernüchternde Erfahrung“

Angeregt durch die Serie fuhr die Familie mehrfach zum Stadtteil Hamm von Luxemburg der Soldatenfriedhof und die Gedenkstätte „The Luxembourg American Cemetery and Memorial“ befindet. Dort wurden nach dem Krieg 5.000 Amerikaner bestattet, die bei der Ardennenoffensive gefallen waren. Auch General Patton wurde nach seinem Unfalltod im Dezember 1945 dort beigesetzt.

Ebenso besuchten sie die in der Nähe liegende Kriegsgräberstätte Sandweiler, wo fast 11.000 gefallene deutsche Soldaten bestattet wurden.

„Beide Friedhöfe waren eine düstere, ernüchternde Erfahrung.

Aber erst als mein Onkel Mel uns besuchte, kam uns die Realität dessen, was diese Friedhöfe repräsentierten, wirklich ins Bewusstsein. Onkel Mel war die lebende Verkörperung von Tom Brokows ‚The Greatest Generation‘, denn er hatte während des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kriegsschauplatz gedient und war etwa eine Woche nach dem D-Day über die Strände der Normandie gekommen.

Mel bat darum, einige Gegenden zu besuchen, die er während des Krieges durchquert hatte. Die meisten weckten gute Erinnerungen, aber an einem Ort hörte er auf zu sprechen. Hier war seine Einheit von deutscher Artillerie eingekesselt worden und innerhalb eines Augenblicks waren mehr als 200 seiner Kameraden tot oder verwundet; viele von denen, die starben, wurden in Hamm begraben.

Die Kreuze und Davidsterne, die so schön auf dem gepflegten Rasen ausgelegt waren, hatten plötzlich Gesichter, Namen und Charaktere, die man nicht mehr ignorieren konnte. Was vorher ein friedlicher Zufluchtsort war, verwandelte sich augenblicklich in eine schreckliche Erinnerung an den furchtbaren Preis des Krieges. Noch heute kann ich an keinem Soldatenfriedhof vorbeigehen, ohne mir die Umstände der Ereignisse vorzustellen, die die dort Begrabenen das Leben kosteten. All die Hoffnungen, Träume und Bestrebungen, die ich und andere im Laufe ihres Lebens ausleben konnten, wurden diesen jungen Männern verwehrt, meist unter Umständen, die sich ein Durchschnittsbürger nicht vorstellen kann.“

Persönliche Erfahrungen in der Sowjetunion

Am College studierte Scott Ritter dann russische Geschichte und schreibe seine Examensarbeit über die historischen Verbindungen zwischen dem zaristischen und dem sowjetischen Militär. Er analysierte eingehend die Feldzüge und Schlachten zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland „mit dem entsetzlichen Tribut, den das sowjetische Volk bezahlte, dessen Todesopfer zig Millionen zählen“.

„Doch erst als ich die Gelegenheit hatte, in der Sowjetunion zu leben und zu arbeiten, als Mitglied eines US-amerikanischen Inspektionsteams, das vor einer sowjetischen Raketenfabrik in Wotkinsk stationiert war und die Aufgabe hatte, die Einhaltung der Bestimmungen des Vertrags über nukleare Mittelstreckenwaffen zu überwachen, wurde mir bewusst, wie sehr diese historischen Opfer die tägliche Realität der sowjetischen Bevölkerung prägen. In der Innenstadt von Wotkinsk steht ein Denkmal für diejenigen Bewohner, die während des Krieges ihr Leben verloren haben, sowie für diejenigen, denen der Titel ‚Held der Sowjetunion‘ für ihren Kriegseinsatz verliehen wurde. Wohin man auch immer in der Sowjetunion reiste, gab es dort ähnliche Denkmäler in Gemeinden, die es zur Selbstverständlichkeit ihres Daseins erhoben, niemals diejenigen Opfer zu vergessen, die von ihrer Ausprägung der ‚Greatest Generation‘ erbracht wurden, um nicht nur ihre eigenen Mitbürger, sondern auch große Teile Europas von der Geißel Nazideutschlands zu befreien.“

Verschiedene Kulturen der Erinnerung an den Weltkrieg

Scott Ritter vergleicht das mit der Erinnerungskultur in Deutschland und den USA an die Opfer des Krieges.

„Bedauerlicherweise kann ich auch über die amerikanischen Menschen nicht dasselbe berichten. In diesem Jahr wird es in den Vereinigten Staaten von Amerika keine Feier zum Sieg in Europa geben, so wie es auch in den vergangenen Jahren keine mehr gab. Wir haben unsere ‚Greatest Generation‘ vergessen, und auch die Opfer, die sie damals für die Zukunft brachten. Es gibt kein amerikanisches ‚Unsterbliches Regiment‘ von Familienmitgliedern, die stolz durch die Hauptstraßen der amerikanischen Städte ziehen, um die Sache zu ehren, der diese jungen Männer und Frauen dienten.

Wir haben vergessen, wofür sie überhaupt kämpften.

Es war einmal eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gemeinsam kämpften, um die Plage Nazi-Deutschlands und dessen Ideologie zu bezwingen. Heute, wenn Russland in einen Kampf mit den Verehrern Hitlerdeutschlands in Gestalt der ideologischen Nachkommen des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera verwickelt ist, würde man logischerweise eigentlich erwarten, dass die Vereinigten Staaten auf der Seite Moskaus stehen.“

Wofür die „Greatest Generation“ der USA „sich schämen würde“

Doch statt an der „Seite Moskaus“ unterstützen die USA „Banderas Anhänger“, die als Mitglieder der Waffen-SS an der Seite der deutschen Nazis kämpften, „wobei sie Zehntausende von unschuldigen Zivilisten abschlachteten, darunter auch viele Juden. Von Gesetzes wegen sollte Washington dafür sorgen, dass diese hasserfüllte Idee, für deren Ausrottung damals so viele ihr Leben und ihren Lebensweise opferten, nie wieder ihre teuflischen Fahnen auf europäischem Boden hissen darf.“

„Stattdessen leisten die Vereinigten Staaten Unterstützung für die gegenwärtigen Anhänger von Bandera und damit im weiteren Sinne von Hitler; deren hasserfüllte Ideologie ist verbrämt als ukrainischer Nationalismus. Amerikanische Militärangehörige, deren Traditionen aus den heldenhaften Opfern Hunderttausender ihrer Kameraden, Soldaten, Matrosen und Flieger, die ihr Leben im Kampf gegen Nazideutschland gaben, erwuchsen, liefern heute Waffen und Ausbildung an Ukrainer, deren Körper und Fahnen die Abzeichen von Hitlers ‚Drittem Reich‘ tragen…

Ich komme nicht umhin zu denken, dass Tom Brokows ‚Greatest Generation‘ sich für das Verhalten all derer schämen würde, für die sie alles geopfert hatte, und die sich immer noch als unfähig erweisen, ihr Andenken heute durch Handeln und durch Taten wahrhaftig zu ehren.“

 

 

Sie möchten diesen Beitrag jetzt mit Ihren Freunden oder Bekannten teilen?
Thomas Schulze
 

Click Here to Leave a Comment Below 0 comments