Wer die Vergangenheit nicht kennt…

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“ (Helmut Kohl am 01.06.1995 vor dem Bundestag)

Lehren aus der Vergangenheit vergessen?

Lassen wir außer Betracht, ob Helmut Kohl seine Aussage nur als Erfahrungswert verstanden wissen wollte, oder ob so etwas wie Einsicht in Gesetzmäßigkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung ihn zu dieser Aussage führte. In abgewandelter Form, wurde eine solche Erkenntnis schon mehrfach formuliert. Eine davon griff Larry C. Johnson in einen Beitrag am 27.04.2022 auf seinem Blog auf. Anlass ist die aktuelle Politik der USA und ihrer Verbündeten in der Ukraine.

„‚Diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern können, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.‘

Diese Weisheit von George Santayana, die erstmals 1905 geäußert (und von Churchill in einer Rede vor dem Unterhaus 1948 leicht abgewandelt) wurde, gilt auch heute noch. Das verfallende Fundament der amerikanischen Außenpolitik beruht zum Teil auf einem verzerrten Verständnis der Rolle Russlands im Zweiten Weltkrieg und einer übertriebenen Anerkennung der amerikanischen Leistungen in diesem Konflikt. Wenn man sich die großen Hollywood-Filme über den Zweiten Weltkrieg in Europa anschaut (The Longest Day, Patton, A Bridge Too Far, The Bridge at Remagan, Saving Private Ryan usw.), kommt man zu dem Schluss, dass die Vereinigten Staaten die Nazis in die Knie gezwungen haben und der Krieg an der Ostfront nur ein Nebenschauplatz war.

In westlichen Dokumentarfilmen wird dieser Krieg als Rettung der Russen durch die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich dargestellt. Ein gängiges Thema ist, dass Stalin die westlichen Alliierten anflehte, eine Front in Europa zu eröffnen, um den Druck von den russischen Streitkräften zu nehmen. Und es waren die westlichen Alliierten, die die Schrecken des Holocausts aufdeckten. Hollywood liebt Geschichten, in denen der Bösewicht klar definiert ist und die Helden scheinbar unüberwindbare Hindernisse überwinden können.

Ich glaube, dass das Versagen des Westens, zu verstehen und zu würdigen, was Russland (damals die Sowjetunion) im Zweiten Weltkrieg geleistet hat, die Ursache dafür ist, dass er nicht versteht, was Russland heute in der Ukraine tut.“

Um den Anteil der Sowjetunion an der Zerschlagung des Hitler-Faschimus zu verstehen und im Verhältnis zu den USA und den anderen Allierten zu verdeutlichen, verweist Larry Johnsen auf die enormen Verluste infolge der OPERATION BARBAROSSA (d. h. des Überfalls auf die Sowjetunion) und des FALLS BLAU (die Offensive der Heeresgruppe Süd zur Eroberung der Ölfelder in Aserbaidschan).

Für die „Operation Barbarossa„* listet Johnson auf:

  • 566.852 Tote im Kampf,
  • 235.339 starben an nicht kampfbedingten Ursachen,
  • 1.336.147 Kranke und Verwundete durch Gefechts- und Nichtgefechtseinwirkung,
  • 2.335.482 im Kampf Vermisste oder Gefangene,
  • c. 500.000 sowjetische Reservisten, die noch während der Mobilisierung gefangen genommen wurden.

Im „Fall Blau„* betrugen die Verluste auf sowjetischer Seite 1.200.000 Opfer.

„Aber die Sowjets hielten Stalingrad und erzwangen die Kapitulation der in der Stadt eingeschlossenen deutschen Armee…

Bis 1944 hatten sich die Sowjets neu formiert und Armeen mit insgesamt 6 Millionen Soldaten aufgestellt. Die westlichen Alliierten stellten in Europa 4 Millionen Soldaten auf. Die Sowjets kämpften gegen eine deutsche Armee von 2 Millionen, während die westlichen Alliierten gegen 1 Million Deutsche antraten.

Ich behaupte nicht, dass die Sowjets dies alles allein geschafft haben…

Die Geschichte der Niederlage der Nazis ist in Wirklichkeit eine Geschichte über den Erfolg einer angespannten Partnerschaft zwischen dem Westen und den Sowjets. Was die Menschen im Westen nicht zu schätzen wussten oder nicht anerkannten, war die entscheidende Rolle, die die Sowjets bei der Niederschlagung der besten deutschen Streitkräfte spielten.“

Desweiteren verweist Larry Johnson darauf, dass es die Rote Armee war, „die mit der Eroberung des Konzentrationslagers Madjanek im Jahr 1944 erstmals physische Beweise für den Holocaust aufbrachten. Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich taten den sowjetischen Bericht als Propaganda ab. Und die Sowjets befreiten im Januar 1945 die noch intakte Todesfabrik in Auschwitz/Birkenau.“

Gerade die ungeheuren Verluste der Sowjetunion wirkten auch heute noch bei Russen einerseits und Briten wie US-Amerikanern andererseits in einem anderen Verhältnis zum Krieg nach.

„Die Vereinigten Staaten haben im Zweiten Weltkrieg in Europa, Nordafrika und im Pazifik 472.000 Tote zu beklagen. Die Russen verloren mehr als 8 Millionen Soldaten und schätzungsweise 19 Millionen Tote unter der Zivilbevölkerung. Die erschütternden Verluste, die Russland im Zweiten Weltkrieg erlitt, werden bis heute in Erinnerung gehalten und geehrt. Das Gleiche kann man von den Menschen in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich nicht behaupten … Ich schätze, dass 95 % der Amerikaner unter 50 Jahren nicht in der Lage sind zu erklären, wer im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und wer wem was angetan hat.“

Diese unterschiedliche Erfahrung und demzufolge das große Unverständnis auf westlicher Seite für russische Interessen bilden für Larry Johnson eine gefährliche Quelle für die Folgen der aktuellen westlichen Politik in der Ukraine.

„In den letzten 30 Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben viele russische Führer geglaubt, sie könnten den Vereinigten Staaten und Europa vertrauen und das traurige Erbe der Sowjetunion auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Doch diese Hoffnung ist nun in Trümmern. Anstatt die Erweiterung der NATO zu stoppen, hat der Westen weiterhin neue Mitglieder aufgenommen, darunter auch Staaten, die an Russlands Westgrenze liegen. Beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 waren auch Soldaten aus Italien, Ungarn, Rumänien, der Slowakei und Kroatien dabei. Zwei dieser Länder – Italien und Rumänien – haben sich erneut mit dem verbündet, was die Russen als feindliche Bedrohung empfinden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Einfluss der Neonazis in der Ukraine zunimmt. Jacques Baud, ein pensionierter Offizier der Schweizer Armee, der längere Zeit bei der NATO diente, hat eine brillante Abhandlung geschrieben, in der er die Wurzeln dieses neuen Krieges erläutert (lesen Sie hier). Einer seiner wichtigsten Punkte betrifft das Versagen des ukrainischen Militärs bei der Eroberung des Donbass im Jahr 2014. Baud schreibt:

‚Um den Mangel an Soldaten auszugleichen, griff die ukrainische Regierung auf paramilitärische Milizen zurück. Diese bestehen im Wesentlichen aus ausländischen Söldnern, oft rechtsextremen Kämpfern. Im Jahr 2020 machten sie laut Reuters etwa 40 Prozent der ukrainischen Streitkräfte aus und umfassten rund 102.000 Mann. Bewaffnet, finanziert und ausgebildet wurden sie von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Frankreich. Es waren mehr als 19 Nationalitäten vertreten – darunter auch Schweizer.

Westliche Länder haben also eindeutig ukrainische rechtsextreme Milizen geschaffen und unterstützt. Im Oktober 2021 schlug die Jerusalem Post Alarm und prangerte das Centuria-Projekt an. Diese Milizen waren seit 2014 mit westlicher Unterstützung im Donbass aktiv. Auch wenn man sich über den Begriff ‚Nazi‘ streiten kann, bleibt die Tatsache bestehen, dass diese Milizen gewalttätig sind, eine widerliche Ideologie verbreiten und virulent antisemitisch sind. Ihr Antisemitismus ist eher kultureller als politischer Natur, weshalb der Begriff ‚Nazi‘ nicht wirklich angebracht ist…

Diese Milizen, die aus den rechtsextremen Gruppen hervorgegangen sind, die 2014 die Euromaidan-Revolution anheizten, bestehen aus fanatischen und brutalen Individuen. Das bekannteste von ihnen ist das Asow-Regiment, dessen Emblem an die 2. SS-Panzerdivision ‚Das Reich‘ erinnert, die in der Ukraine für die Befreiung Charkows von den Sowjets im Jahr 1943 verehrt wird, bevor sie 1944 das Massaker von Oradour-sur-Glane in Frankreich verübte.‘

Wenn die Vereinigten Staaten und die NATO darauf beharren, alles und jeden Russen zu verteufeln, ignorieren sie die Geschichte Russlands bei der Abwehr ausländischer Invasoren. Ich bin kein professioneller Historiker, aber ich weiß Folgendes: Napoleon glaubte, Moskau einnehmen zu können, und scheiterte; Hitler glaubte, den slawischen Untermenschen vernichten zu können, und wurde vernichtet. Ich fürchte, die westlichen Führer geben sich wieder einmal der Fantasie hin, dass sie nicht nur Wladimir Putin, sondern ganz Russland zu Fall bringen können. Es ist an der Zeit, sich an die Geschichte zu erinnern, oder, wie Santayana warnte, wir verdammen uns selbst dazu, einen Albtraum zu wiederholen.“

Zwar schreibt Larry Johnson hauptsächlich über die US-Politik, doch in Deutschland sieht es nach den jüngsten Bundestagsbeschlüssen nicht besser aus. Nicht nur die Worte Helmut Kohls, auch die Ostpolitik Willy Brandts sind vergessen. Und die „Qualitätsmedien“ sind voll von Meldungen über „Kriegsbegeisterung“. Zudem widersprechen Sie der Präambel des Grundgesetzes, in der der Friedensauftrag festgeschrieben wurde:

von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“

Stattdessen gilt nunmehr, was Tobias Riegel mit den Worten kommentiert:

„Deutschland liefert Panzer an die Ukraine. Es könnten also bald wieder Russen mit deutschen Kanonenrohren getötet werden – mit all den unvorstellbaren Folgen, die das nach sich ziehen kann.

Das ist in jeder Hinsicht ein gefährlicher Skandal: Es wird dadurch nicht nur das wichtige und gültige Prinzip mit Füßen getreten, dass Waffenlieferungen in Kriegsgebiete ein schweres Vergehen sind, weil sie potenziell das Leid verlängern. Zusätzlich ist die Vorstellung von deutschen Panzern, die (wieder) auf Russen schießen, besonders unerträglich. Die Handlungen der aktuellen Regierung sind absolut verantwortungslos: sowohl gegenüber den Gefahren der Gegenwart als auch gegenüber den Lehren aus der deutschen Geschichte.“

*Die Links auf wikipedia wurden hier wie im Original gesetzt. Die deutsche Ausgabe von wikipedia zum „Unternehmen Barbarossa“ und „Fall Blau“ weichen von der englischsprachigen Version ab. Hintergründe und Beispiele dafür finden sich zahlreich analysiert auf „Geschichten aus Wikihausen“.


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Thomas Schulze
 

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